Haltung oder Journalismus? Birk Meinhardt liest aus seinem Bestseller "Wie ich meine Zeitung verlor", Mittwoch, 7. Oktober 2020

Ich bin schon weit gekommen beim Trainieren des kühlen Blicks, ich weiß, dass es ihn braucht, um guten und wahren Journalismus zu machen… Das ist der eigentliche Segen: Die Dinge kühl und gegebenenfalls scharf niederschreiben zu dürfen.
Das dachte Birk Meinhardt 1992, als er gerade frisch bei der „Süddeutschen Zeitung“ angefangen hatte, als erster Ostdeutscher in der Redaktion. So schreibt er es in seinem Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“. Die Dinge kühl und gegebenenfalls scharf niederschreiben – das war ein Segen nach den Erfahrungen in der DDR.

Damals, im Osten, gab es bekanntlich eine Menge Verhinderungen. Da waren so viele Leute, in deren Denken es nicht vorgesehen war, das System grundsätzlich zu kritisieren oder sogar sein Ableben einzukalkulieren .“

Sagen, was ist“, nannte es der „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein. Aber können Journalisten heute in Deutschland wirklich immer „sagen, was ist“? Wollen sie es überhaupt? Jeder, der einmal einen Blick in die Redaktion einer Zeitung oder eines Senders geworfen hat, kennt die Zwänge und Einflussnahmen. Da melden sich Regierungsmitglieder, Verbandsvertreter, Pressesprecher und drängen auf positive Berichterstattung. Da drohen Werbekunden abzuspringen, wenn über ein unliebsames Thema berichtet wird. Auch Birk Meinhardt beschreibt einen solchen Fall 1999: 

In einem meiner ersten Artikel portraitierte ich einen Immobilienmann, dem halb Westberlin gehört, er kam, gelinde gesagt, nicht allzu gut weg in dem Stück. Er reagierte, indem er der Zeitung die Anzeigen kündigte, die er regelmäßig schaltete, das Volumen, so hieß es, betrage 500 000 Mark im Jahr, was für ein Heidengeld… Der kommt schon wieder, so brummte mein herrlich wortkarger Chefredakteur und legte auf; alten Kommilitonen, die ich sporadisch traf, erzählte ich so etwas besser nicht. Bei ihnen in den Regionalblättern werden Redakteure, die, und sei es durch einen kritischen oder auch nur missverständlichen Nebensatz, Unmut bei Anzeigenkunden erregen, kurzerhand in abgelegene Kreise versetzt…

Auch die Eigner von Zeitungen und Sendern, ein Großteil in Besitz von ein paar großen Medienkonzernen, nehmen natürlich Einfluss darauf, was gesagt werden darf und kann – durch die Auswahl des Personals etwa, oder durch Unternehmensgrundsätze, die  beispielsweise beim Axel Springer-Verlag Journalisten vertraglich dazu verpflichten, „Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika“ zu zeigen und sich „für eine freie und soziale Marktwirtschaft“ einzusetzen.

Journalisten sind oftmals auch selbst eingebunden – etwa durch eine Mitgliedschaft in einer Partei oder einer Lobbyvereinigung wie der „ Atlantik-Brücke“, die sich „für Multilateralismus, offene Gesellschaften und freien Handel“ einsetzt. Hier sollen unter anderem Personen wie der Außenpolitik-Chef der „Süddeutschen Zeitung“, Stefan Kornelius, der Moderator des „heute journals“ im ZDF, Claus Kleber, sowie Tina Hassel, Chefredakteurin Fernsehen des ARD-Hauptstadtstudios, Mitglied sein.

Und dann gibt es da immer mehr auch die Frage der richtigen „Haltung“. Birk Meinhardt schreibt dazu: 

Das ist ja ein Dauerzustand geworden: einer Haltung Ausdruck zu verleihen und nicht mehr der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit um die Teile zu reduzieren, die nicht zur Haltung passen, und dafür die Teile überzubetonen, die sich mit der Haltung decken. “ 

Und er kann Beispiele nennen. Sein Text über die Deutsche Bank, in dem ihre Rolle bei der Enteignung jüdischer Firmen und Privatkunden in der Nazi-Zeit nicht verschwiegen wird und der unbequeme Themen wie hohe Boni-Zahlungen, niedrige Eigenkapitalrendite und das „ Zocken“ namens Investmentbanking enthält, wird nicht gedruckt – weil er laut Ressortleiter im Stil einer Verschwörungstheorie geschrieben worden sei, als „ Beweis“ werden Zitate von Personen angeführt, die nicht genannt werden wollen. Überhaupt stelle sich so Klein-Fritzchen die Wirtschaft vor. War die Haltung des Autors also die falsche? 

Diese ‚Geschichte über den Spätkapitalismus‘ wäre für Medien wie die ‚junge Welt‘ oder den ‚Freitag‘ wahrscheinlich nur etwas zu lang, sonst mit Kusshand genommen worden. In der ‚ Süddeutschen Zeitung‘ erschien sie nie“,

schreibt Stefan Siegert in der „jungen Welt“. Ist die Deutsche Bank-Geschichte nur eine Ausnahme? Nein. 2017 schreibt Meinhardt über die US-Airbase Ramstein. Zuerst heißt es aus der Chefredaktion: Das wird auf keinen Fall veröffentlicht. Und der Autor sagt sich selbst: 

Du bist ja wohl unter deinem Niveau geblieben, allein schon, weil du nur die eine Seite gehört hast und die andere nicht. Aber während ich es denke, kriege ich einen Rappel. In der Zeitung wird doch so oft nur noch eine Seite gehört, und über die andere wird gerichtet, ich erinnere mich an eine lange Reportage über die Demonstration in Dresden, in der nicht ein einziger Demonstrant zu Wort gekommen war, nicht ein einziger, und das hat man gedruckt. Und meine Reportage jetzt fliegt raus; weil ich die Amerikaner, und nicht die Terroristen, als feige schildere? Weil Obama, anders als üblich, nicht als Friedenstaube daherkommt? “ 

Und als Meinhardt dann versucht, die andere Seite zu Wort kommen zu lassen, das Außen- und das Verteidigungsministerium zum Beispiel, die gar nicht reden wollen, ist es auch nicht Recht, die Zusammenarbeit mit ihm wird beendet. 

Die Realität, wenn es denn eine harte ist, muss geschildert werden, und diese Schilderung soll nicht weichgespült und schon wieder halb zurückgezogen werden durch allseits opportune Relativierungen. Wenn es denn weh tut, die Stücke zu lesen, liegt es nicht an den Stücken, sondern daran, was darin abgebildet wird “,

schreibt Meinhardt jetzt. Sagen, was ist? Selbst die anerkannte Henri-Nannen-Schule wirbt den Journalisten-Nachwuchs inzwischen mit dem Slogan „Handwerk und Haltung“ an. Ist die richtige Haltung also so wichtig wie das passende journalistische Handwerkszeug?

Wie weit ist das entfernt vom Leitsatz der langjährigen Chefredakteurin und Mitherausgeberin der „Zeit“, Marion Gräfin Dönhoff: 

Das Wesen des Liberalismus ist es, abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik an Bestehendem nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu schützen und Offenheit zum Gegensätzlichen zu praktizieren.

Diese „Offenheit zum Gegensätzlichen“ fehlt heute nicht nur Birk Meinhardt. Auch ein anderer Journalist, Jochen Bittner von der „Zeit“, kritisiert den grassierenden „Haltungsjournalismus“

Berichterstatter sind Schiedsrichter der öffentlichen Debatte. Fallen sie aus der Rolle, indem sie dem Ball einer Mannschaft einen Schubs geben, leidet ihre Autorität. Und darunter leidet das Vertrauen darin, dass Journalisten sich um Objektivität wenigstens bemühen. Sie sollten deshalb, um den Klassiker von Hajo Friedrichs aufzurufen, dem Bedürfnis widerstehen, sich mit einer Sache gemein zu machen, und sei sie eine gute .“

Und der Publizist Nils Heisterhagen schreibt:

Wenn Journalisten heute für etwas brennen, dann dafür, ihren Lesern ihre eigene Weltanschauung zu vermitteln. Über die Haltung wird dann oft die kritische Distanz vergessen… Natürlich gab es immer schon – besonders dann nach 1968 – nicht nur Realisten in den deutschen Medienhäusern. Natürlich gab es auch Ideologie. Aber selbst die Texte der starken Meinungsführer durften nicht ständig voll von Allsätzen, Behauptungen, Unterstellungen und Suggestionen sein.

Haltung für eine gute Sache zeigen und sagen, was ist, das passt nicht immer gut zusammen. Das zeigte sich auch, als die Otto-Brenner-Stiftung tausende Zeitungsartikel im Zeitraum von Februar 2015 bis März 2016 untersuchte. Ergebnis: 

Die großen überregionalen Tagesmedien … haben eigentlich einen internen Diskurs mit der Politik in Berlin geführt und dabei gleichsam die Bevölkerung vergessen, also die Menschen, die mit dieser Thematik unmittelbar zu tun haben und tun hatten. Die Probleme, die sich in der Alltagswelt der Menschen stellten, kommen nur ausnahmsweise vo r“,

wie der Leiter der Studie, Michael Haller, im Deutschlandfunk erklärte

Ich denke schon, dass man daran erkennen kann, dass auch jenseits der Flüchtlingsthematik, also auch heute in den relevanten Themen des Alltags die Perspektive der Machthabenden, der Entscheider dominant ist.“

Das immer weniger gesagt wird, was ist, und stattdessen immer mehr Haltung angenommen wird, beklagen in diesen Tagen auch 153 Intellektuelle um Noam Chomsky, Salman Rushdie, Anne Applebaum und Margaret Atwood in den USA

Widerstand darf nicht – wie unter rechten Demagogen – zum Dogma werden. Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird von Tag zu Tag mehr eingeengt. Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus: Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen... Unabhängig von den Details der einzelnen Fälle wurden die Grenzen dessen, was ohne Androhung von Repressalien gesagt werden darf, immer enger gezogen. Wir zahlen dafür einen hohen Preis, indem Schriftsteller_innen, Künstler_innen und Journalist_innen nichts mehr riskieren, weil sie um ihren Lebensunterhalt fürchten müssen, sobald sie vom Konsens abweichen und nicht mit den Wölfen heulen.

Haltung oder Journalismus, um diese Frage geht es auch am Mittwoch, 7. Oktober 2020, 18 Uhr in der Saarbrücker Congresshalle (Saal West, Hafenstraße 12, 66111 Saarbrücken) , wenn Birk Meinhard aus seinem Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ lesen wird.